{"id":5192,"date":"2020-06-09T15:16:36","date_gmt":"2020-06-09T13:16:36","guid":{"rendered":"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/?p=5192"},"modified":"2020-10-15T16:37:07","modified_gmt":"2020-10-15T14:37:07","slug":"frage-nicht-ein-pandemie-essay","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/de\/2020\/06\/09\/frage-nicht-ein-pandemie-essay\/","title":{"rendered":"Frage nicht! Ein Pandemie-Essay"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8221;1&#8243; _builder_version=&#8221;3.22&#8243;][et_pb_row _builder_version=&#8221;4.4.8&#8243; background_size=&#8221;initial&#8221; background_position=&#8221;top_left&#8221; background_repeat=&#8221;repeat&#8221; width=&#8221;100%&#8221;][et_pb_column type=&#8221;4_4&#8243; _builder_version=&#8221;3.25&#8243; custom_padding=&#8221;|||&#8221; custom_padding__hover=&#8221;|||&#8221;][et_pb_text _builder_version=&#8221;4.4.8&#8243; background_size=&#8221;initial&#8221; background_position=&#8221;top_left&#8221; background_repeat=&#8221;repeat&#8221;]<\/p>\n<p><em>Stadtbibliothekar Oliver Thiele setzt sich in seinem Pandemie-Essay mit dem besonderen Alltag der letzten Wochen auseinander. Der Text erschien zuerst im Schaffhauser Magazin vom 30.05.2020 und wurde f\u00fcr den Blog leicht \u00fcberarbeitet.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5195 alignleft\" src=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Standuhr-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Standuhr-300x212.jpg 300w, https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Standuhr.jpg 395w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Frage nicht! Leser der Kriminalromane von Wolf Haas kennen diesen warnenden Ausruf des Erz\u00e4hlers. Wie es so ging mit der Bibliothek und der Pandemie &#8211; fragen Sie nicht! Ich muss gestehen, dass ich mich von der Corona-Berichterstattung irgendwann ausgeklinkt habe. Eine \u00dcberdosis Fallzahlen, Kurvenverflachungen, Expertenerkl\u00e4rungen (Frauen sind selten darunter), bundesr\u00e4tlichen Ermahnungen und Belobigungen liess mich die Flucht ergreifen. Ich hab&#8217;s ja dann auch mal begriffen: <strong><em>#Stayathome<\/em><\/strong>, <strong><em>#Flattenthecurve<\/em><\/strong> und wie die englischen Aufforderungs-Hashtags alle heissen. Vermutlich wird bald auch zum Maskentragen so ein aufforderndes # die Runde machen. Und dann warten wir auf die <em><strong>#Impfung<\/strong><\/em>, denn so gesund, wie wir dank der Quasi-Ausgangssperre geblieben sind, wird das nie etwas mit der <strong><em>#Herdenimmunit\u00e4t<\/em><\/strong>. Ob sich im Herbst dann alle zur Grippeimpfung anmelden werden? Vielleicht hilft ein kleiner Hashtag <strong><em>#impfdich<\/em><\/strong> nach; bis jetzt haben wir uns als Gesellschaft ja um die allj\u00e4hrliche <strong><em>#Grippe<\/em><\/strong> h\u00f6chst unzimperlich foutiert.<\/p>\n<p>Diesem <strong><em>#Schrecken<\/em><\/strong> versuchte ich mich folglich zu entziehen und tauchte standesgem\u00e4ss ab in die Welt der Romane: Eskapismus also, Flucht vor der b\u00f6sen Realit\u00e4t. Die \u00abJakobsb\u00fccher\u00bb der polnischen Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Olga Tokarczuk spielen im j\u00fcdischen Podolien vor 250 Jahren \u2013 einer historischen Region Europas zwischen Polen, der Ukraine und der Moldau entlang des Dnjestr. Den Eskapismus kann man dabei aber grad vergessen. Es w\u00fcten Seuchen gnadenlos, und allerorten k\u00fcnden messianische Gestalten vom nahen Ende der Welt. Die Kirche ist allerdings noch im Dorf, und auch die Synagoge. Tapfer habe ich mich durch die 1100 Seiten gek\u00e4mpft, immer wieder fasziniert von tollen Passagen und manchmal irritiert von m\u00fcffelig-altert\u00fcmelnder Sprache. So heissen Tokarczuks Bienen gerne Immen. Jeden Morgen beim Honigbr\u00f6tli-Streichen vor dem Beginn des \u00abHomeoffice\u00bb immte und summte der Sprachpurist in mir, bevor dann die bet\u00f6rende S\u00fcsse des Honigs auf dem Weggli ihre beruhigende Wirkung auf Gem\u00fct und Seele entfaltete.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5194 alignleft\" src=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Tasche-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Tasche-300x225.jpg 300w, https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Tasche.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Meine Mutter hingegen hat die \u00abJakobsb\u00fccher\u00bb aufgegeben. Zu schwer sei der W\u00e4lzer, ungeeignet f\u00fcr die Lekt\u00fcre in bequemer Position. Hoffentlich waren meine Spezereien f\u00fcr den m\u00fctterlichen K\u00fchlschrank nicht \u00e4hnlich ungeeignet. Denn Mutter war zwar durchaus einsichtig, dass sie mit ihren 85 Jahren im Moment nicht unbedingt einkaufen gehen sollte. Gleichzeitig zeigte sie sich aber unwillig, mir eine konkrete Einkaufsliste zusammenzustellen. So dass ich in der Migros einpackte, was ich selber am\u00e4chelig fand, in der Hoffnung, dass es passte. Deutlich anspruchsvoller in seinen Einkaufsw\u00fcnschen zeigte sich das Paar bei uns im Haus, f\u00fcr das wir Nachbarn einkaufen gingen. Die Jagd nach dem \u00fcberall ausverkauften Dinkelmehl erwies sich so als hausgemeinschaftsverbindendes Event. Und die Suche nach Rapunzel-Polenta trieb mich in L\u00e4den, die ich sonst nur von aussen und auch dann nur fl\u00fcchtig in Betracht gezogen hatte. Die Organisation dieses gemeinsamen Einkaufs wurde einem Whatsapp-Chat \u00fcbertragen. Denn merke: In dieser Krise ist das Digitale Trumpf. Dank des digitalen Telefonalarms aus dem Hause Zuckerberg erfuhren wir nun alle jederzeit, wer aus dem Haus sich grade in den Coop aufmachen und auch f\u00fcr andere etwas einkaufen w\u00fcrde. Ebenso konnte uns nicht entgehen, wer grade dankend keinen Bedarf daf\u00fcr hatte. So kam pro Tag ein h\u00fcbsches bisschen Text zusammen &#8211; denn merke zum Zweiten: Je digitaler, desto <strong><em>#plapper<\/em><\/strong>! Sp\u00e4ter beruhigte sich die Haus-Chat-Lage; bilaterale Einkaufsabsprachen der guten alten analogen Art, selbstverst\u00e4ndlich unter Wahrung des vorgeschriebenen <em><strong>#Abstands<\/strong><\/em>, erwiesen sich als effizienter.<\/p>\n<p>Und <strong><em>#Abstand<\/em><\/strong> ist bekanntlich ja das neue <strong><em>#Sharing<\/em><\/strong>. Wir erinnern uns: Die Sharing Economy &#8211; Menschen treffen sich, tauschen Ideen aus, Gegenst\u00e4nde, Wohnungen und Autos. Das ist nun aber so etwas von 2019! Der <em><strong>#Hipster2020<\/strong><\/em> hat das Tauschen eingestellt, die Grenzen hochgefahren. Schotten dicht. Der Umwelt begegnet er maskiert und am liebsten bloss noch virtuell. Und um den Abstand auch im B\u00fcro hinzubekommen, gibt&#8217;s das Homeoffice, in unseren beh\u00f6rdlichen Merkbl\u00e4ttern r\u00fchrend \u00abTelearbeit\u00bb genannt. So sass ich denn statt in &#8220;meiner&#8221; Stadtbibliothek mit Blick auf Mosergarten und eine Ahnung von Rhein zumeist an unserem Esstisch vor aufgeklapptem Laptop. Von dort schweifte mein bgehrlicher Blick nur allzu gern zu dem grossen tr\u00f6stenden Schoggi-Osterhasen am andern Ende des Tisches. Vom Has&#8217; ist nun l\u00e4ngst nichts mehr \u00fcbrig, die Pandemie ist aber noch da. Immer noch da sind darum beklagenswerterweise auch die Videokonferenzen aller Art. Was bin ich froh, wenn wir unsere Sitzungen wieder von Angesicht zu Angesicht durchf\u00fchren k\u00f6nnen! Die abgefilmten zweidimensionalen Kunstwesen hinter den Computerscheiben, mit denen man sich zur Zeit digital verabredet, sind doch bloss eine traurige Erinnerung an das Leben in echt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5196 alignleft\" src=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/leere-Stadt-300x202.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\" \/>\u00dcberhaupt war das ja das Schlimmste: Das mangelnde Leben. Die leere Stadt. Die geschlossenen L\u00e4den. Und ja: Die geschlossene Bibliothek. Keine Sch\u00fcler am Lernen, nicht in lebhaften Gr\u00fcppchen und auch nicht stillkonzentriert mit den unh\u00f6rbar dudelnden Kopfh\u00f6rern ganz f\u00fcr sich. Keine Syrerinnen, Afghanen und Eritreer vor ihren Deutschkursen. Keine Geschichtenstunden auf Deutsch oder Russisch oder Spanisch in der viel zu kleinen Kinderabteilung. Der Lesesaal vermisst die leise raschelnden Zeitungsleserinnen mit dem strengen Warnblick (psst!) f\u00fcr wagemutige Neuankommende. Der Ausleihautomat h\u00e4tte alles gegeben f\u00fcr eine Begegnung mit dem Reisef\u00fchrer-Hamsterer! Eingerostet stand WLAN-Code-Generator und Kaffeemaschine. Und wo waren die Lucky Lukes, die Baumhausbewohnerinnen, die Warrior Cats, die Globis und die Kleinen Drachen Kokosnuss? Ich habe sogar unseren Mahngeb\u00fchr-Verzugs-Spezialisten vermisst. Denn die Bibliothek ohne Kund*in lebt nicht, sie wartet h\u00f6chstens auf bessere Zeiten. Und mit dem digitalen Angebot l\u00e4sst sich&#8217;s sozial zwar \u00fcberwintern, aber f\u00fcr mich wird&#8217;s immer ein Winter of Discontent bleiben.<\/p>\n<p><em>Jetzt ist schon wieder etwas passiert. <\/em>So l\u00e4sst Herr Haas seine Brenner-Krimis beginnen. Ich f\u00fcr meinen Teil habe mein <em><strong>#Jahreskontingent<\/strong><\/em> an unangenehmen \u00dcberraschungen allerdings bereits im ersten Quartal ausgesch\u00f6pft. Dabei bin ich ja, ich weiss, privilegiert \u2013 bin keine Krankenpflegerin im Dauereinsatz, hab&#8217; keine Kurzarbeit, und niemand in meinem Umfeld ist erkrankt. Darf ich mir trotzdem etwas w\u00fcnschen, liebes 2020? Schaff eine Impfung her! Und bring uns eine Gesellschaft zur\u00fcck, die sich nicht vorzugsweise \u00fcber Grenzen und Distanzen definiert.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stadtbibliothekar Oliver Thiele setzt sich in seinem Pandemie-Essay mit dem besonderen Alltag der letzten Wochen auseinander. 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Ich muss gestehen, dass ich mich von der Corona-Berichterstattung irgendwann ausgeklinkt habe. Eine \u00dcberdosis Fallzahlen, Kurvenverflachungen, Expertenerkl\u00e4rungen (Frauen sind selten darunter), bundesr\u00e4tlichen Ermahnungen und Belobigungen liess mich die Flucht ergreifen. Ich hab's ja dann auch mal begriffen: <strong><em>#Stayathome<\/em><\/strong>, <strong><em>#Flattenthecurve<\/em><\/strong> und wie die englischen Aufforderungs-Hashtags alle heissen. Vermutlich wird bald auch zum Maskentragen so ein aufforderndes # die Runde machen. Und dann warten wir auf die <em><strong>#Impfung<\/strong><\/em>, denn so gesund, wie wir dank der Quasi-Ausgangssperre geblieben sind, wird das nie etwas mit der <strong><em>#Herdenimmunit\u00e4t<\/em><\/strong>. Ob sich im Herbst dann alle zur Grippeimpfung anmelden werden? Vielleicht hilft ein kleiner Hashtag <strong><em>#impfdich<\/em><\/strong> nach; bis jetzt haben wir uns als Gesellschaft ja um die allj\u00e4hrliche <strong><em>#Grippe<\/em><\/strong> h\u00f6chst unzimperlich foutiert.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Diesem <strong><em>#Schrecken<\/em><\/strong> versuchte ich mich folglich zu entziehen und tauchte standesgem\u00e4ss ab in die Welt der Romane: Eskapismus also, Flucht vor der b\u00f6sen Realit\u00e4t. Die \u00abJakobsb\u00fccher\u00bb der polnischen Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Olga Tokarczuk spielen im j\u00fcdischen Podolien vor 250 Jahren \u2013 einer historischen Region Europas zwischen Polen, der Ukraine und der Moldau entlang des Dnjestr. Den Eskapismus kann man dabei aber grad vergessen. Es w\u00fcten Seuchen gnadenlos, und allerorten k\u00fcnden messianische Gestalten vom nahen Ende der Welt. Die Kirche ist allerdings noch im Dorf, und auch die Synagoge. Tapfer habe ich mich durch die 1100 Seiten gek\u00e4mpft, immer wieder fasziniert von tollen Passagen und manchmal irritiert von m\u00fcffelig-altert\u00fcmelnder Sprache. So heissen Tokarczuks Bienen gerne Immen. Jeden Morgen beim Honigbr\u00f6tli-Streichen vor dem Beginn des \u00abHomeoffice\u00bb immte und summte der Sprachpurist in mir, bevor dann die bet\u00f6rende S\u00fcsse des Honigs auf dem Weggli ihre beruhigende Wirkung auf Gem\u00fct und Seele entfaltete.<\/p><p>\u00a0<\/p><p><img class=\"size-medium wp-image-5194 alignleft\" src=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Tasche-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/>Meine Mutter hingegen hat die \u00abJakobsb\u00fccher\u00bb aufgegeben. Zu schwer sei der W\u00e4lzer, ungeeignet f\u00fcr die Lekt\u00fcre in bequemer Position. Hoffentlich waren die Spezereien f\u00fcr den m\u00fctterlichen K\u00fchlschrank nicht \u00e4hnlich ungeeignet. Denn Mutter war zwar durchaus einsichtig, dass sie mit ihren 85 Jahren im Moment nicht unbedingt einkaufen gehen sollte. Gleichzeitig zeigte sie sich aber recht unwillig, mir eine spezifische Einkaufsliste zusammenzustellen. So dass ich in der Migros einpackte, was ich selber am\u00e4chelig fand, in der Hoffnung, dass es passte. Deutlich pr\u00e4ziser in seinen Einkaufsw\u00fcnschen zeigte sich das Paar bei uns im Haus, f\u00fcr das wir Nachbarn einkaufen gingen. Die Jagd nach dem \u00fcberall ausverkauften Dinkelmehl erwies sich so als hausgemeinschaftsverbindendes Event. Und die Suche nach Rapunzel-Polenta trieb mich in L\u00e4den, die ich sonst nur von aussen und auch dann nur fl\u00fcchtig in Betracht gezogen hatte. Die Organisation dieses gemeinsamen Einkaufs wurde einem Whatsapp-Chat \u00fcbertragen. Denn merke: In dieser Krise siegt das Digitale. Dank des digitalen Telefonalarms aus dem Hause Facebook erfuhren wir nun alle jederzeit, wer aus dem Haus sich grade in den Coop aufmachen und auch f\u00fcr andere etwas einkaufen w\u00fcrde. Ebenso konnte uns nicht entgehen, wer grade dankend keinen Bedarf daf\u00fcr hatte. So kam pro Tag ein h\u00fcbsches bisschen Text zusammen - denn merke zum Zweiten: Je digitaler, desto <strong><em>#plapper<\/em><\/strong>! Sp\u00e4ter beruhigte sich die Haus-Chat-Lage; bilaterale Einkaufsabsprachen der guten alten analogen Art, selbstverst\u00e4ndlich unter Wahrung des vorgeschriebenen <em><strong>#Abstands<\/strong><\/em>, erwiesen sich als effizienter.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Und <strong><em>#Abstand<\/em><\/strong> ist ja immerhin das neue <strong><em>#Sharing<\/em><\/strong>. Sie erinnern sich? Die Sharing economy: Menschen treffen sich, tauschen Ideen aus, Gegenst\u00e4nde und Wohnungen und Autos? Das ist nun aber so etwas von 2019! Der <em><strong>#Hipster2020<\/strong><\/em> tauscht gar nichts mehr mit anderen. Er hat die Grenzen hochgefahren, die Schotten dichtgemacht und begegnet seiner Umwelt maskentragend oder besser noch am Schirm. Und um den Abstand auch im B\u00fcro hinzubekommen, gibt es das Homeoffice, in unseren beh\u00f6rdlichen Merkbl\u00e4ttern r\u00fchrend \u00a0\u00abTelearbeit\u00bb genannt. So sass ich denn statt in \"meiner\" Stadtbibliothek mit Blick auf Mosergarten und eine Ahnung des Rheins zumeist an unserem Esstisch. Von dort schweifte mein Blick \u00fcber den Rand des Laptops hinweg gern zu dem grossen tr\u00f6stenden Schoggi-Osterhasen am andern Ende des Tisches. Vom Has' ist l\u00e4ngst nichts mehr \u00fcbrig, die Pandemie ist aber noch da. Immer noch da sind darum beklagenswerterweise auch die Videokonferenzen aller Art. Was bin ich froh, wenn wir dann endlich irgendwann unsere Sitzungen wieder von Angesicht zu Angesicht durchf\u00fchren k\u00f6nnen! Die abgefilmten zweidimensionalen Kunstwesen hinter den Computerscheiben, mit denen man sich zur Zeit digital verabredet, sind doch bloss eine traurige Erinnerung an das Leben in echt.<\/p><p>\u00a0<\/p><p><img class=\"size-medium wp-image-5196 alignleft\" src=\"https:\/\/bibliotheken-schaffhausen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/leere-Stadt-300x202.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"202\" \/>\u00dcberhaupt war das ja das Schlimmste: Das mangelnde Leben. Die leere Stadt. Die geschlossenen L\u00e4den. Und ja: Die geschlossene Bibliothek. Keine Sch\u00fcler am Lernen, nicht in lebhaften Gr\u00fcppchen und auch nicht stillkonzentriert mit den unh\u00f6rbar dudelnden Kopfh\u00f6rern ganz f\u00fcr sich. Keine Syrerinnen, Afghanen und Eritreer vor ihren Deutschkursen. Keine Geschichtenstunden auf Deutsch oder Russisch oder Spanisch in der viel zu kleinen Kinderabteilung. Der Lesesaal vermisst die leise raschelnden Zeitungsleserinnen mit dem strengen Warnblick (psst!) f\u00fcr wagemutige Neuankommende. Der Ausleihautomat h\u00e4tte alles gegeben f\u00fcr eine Begegnung mit dem Reisef\u00fchrer-Hamsterer! Eingerostet standen WLAN-Code-Generator und Kaffeemaschine. Und wo waren die Lucky Lukes, die Baumhausbewohnerinnen, die Warrior Cats, die Globis und die Kleinen Drachen Kokosnuss? Ich habe sogar unseren Mahngeb\u00fchr-Verzugs-Spezialisten vermisst. Denn die Bibliothek ohne Kund*in lebt nicht, sie wartet h\u00f6chstens auf bessere Zeiten. Und mit dem digitalen Angebot l\u00e4sst sich's sozial zwar \u00fcberwintern, mehr aber nicht.<\/p><p>\u00a0<\/p><p><em>Jetzt ist schon wieder etwas passiert. <\/em>So beginnen die Brenner-Krimis des Wolf Haas. Ich f\u00fcr meinen Teil habe mein <em><strong>#Jahreskontingent<\/strong><\/em> an unangenehmen \u00dcberraschungen bereits im ersten Quartal ausgesch\u00f6pft. Dabei bin ich ja, ich weiss, privilegiert \u2013 bin keine Krankenpflegerin im Dauereinsatz, hab' keine Kurzarbeit, und niemand in meinem Umfeld ist erkrankt. Darf ich mir trotzdem etwas w\u00fcnschen, liebes 2020? Schaff eine Impfung her! 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